Prolog

Prolog: Der fremde Besucher

Sorrento, ITALIEN 

Die Wolken lockerten sich auf und es sah so aus, als ob sie der Abendsonne bald den Weg frei machen wollten. Es hatte vor einer Stunde einmal kurz geregnet, ansonsten war der Tag recht freundlich verlaufen. Um diese Jahreszeit konnte man auch in Sorrento nicht erwarten, dass an jedem Tag Sonnenschein herrschte. Trotzdem befand sich diese Stadt, unweit von Neapel entfernt, südlich genug gelegen, dass man gewisse Erwartungen an das Wetter stellen konnte.

 

Es herrschte nur noch wenig Betrieb auf dem Bella Vista Camping, was eine Woche vor Abschluss der Saison 2009 kaum verwunderlich war. Denn im Oktober waren die Nächte bereits ziemlich kühl geworden und die Pizzerien und Caféterias hatten bei den vielen Piazzas nur noch spärlich draussen gestuhlt. Diese Jahreszeit galt schliesslich lediglich noch als Nebensaison, die sich nur noch eine bescheidene Zahl an Besuchern nicht entgehen liessen, sich etwas günstigeren Urlaub zu leisten. Das Gedränge im archäologischen Freilichtmuseum der ruinierten Römerstadt Pompeii dürfte sich jetzt in Grenzen halten und auch die Museen lockten noch einige Touristen und Einheimische zum stressfreien Besuch. Ansonsten konnte man gut erkennen, dass die goldenen Tage des Herbstes gezählt schienen und die touristisch attraktive Gegend um die Bucht von Neapel ihren Winterschlaf abhalten würde.

Auf dem Campingplatz Bella Vista waren die Vorbereitungen für die Winterpause auch deutlich sichtbar. Die terrassenförmig angelegten Zeltwiesen, die vom Eingangsbereicht stufenweise hinunter bis nahe ans Meer reichten, wurden bereits für die Benutzung der Besucher gesperrt. Lediglich die markierten und mit Stromanschlüssen versehenen Buchten für Wohnwagen und Campingmobile waren noch offen. Ausgerechnet die Wohnmobil-Buchten, auf welchen am Saisonende kaum noch Gras wuchsen! Von den vier Toilettenhäuschen, welche für beide Geschlechter getrennt über je 5 Toiletten und 5 Duschzellen verfügten, war nur noch eine in Betrieb. Auf dem Areal dominierten wie schon in der gesamten Umgebung die zahlreich vorhandenen Olivenbäumen. Ein jeder Gast, der Oliven liebte, konnte sich hier und jetzt einen Menschheitstraum erfüllen, indem er sich mit offenem Mund unter einen solchen Baum legte und sich die reifen Früchte in den Mund fallen liess. Doch so viele Besucher gab es in dieser letzen Saisonwoche wahrhaftig nicht, weshalb die Böden von heruntergefallenen Oliven übersät waren.

 

An diesem Freitag, dem 9. Oktober 2009, waren zum Beispiel das ältere Paar aus Deutschland zu Gast, dessen Wohnanhänger und nobles Zugfahrzeug nicht übersehen werden konnte. Aus gutem Grund liessen sie sich bereits zu Beginn des Zufahrtwegs nieder, der in einer gemütlichen Slalom- Linie durch das Areal führte. Dort nämlich waren sie ganz in der Nähe des noch geöffnteten WC- und Duschhäuschens, was die körperliche Abmühungen, um zwischen Wohnwagen und WC- Häusschen zu pendeln, bedeutend reduzierte, obwohl sie vermutlich sowieso ihre eigenen sanitären Anlagen nur im Notfall nicht zu benützen pflegten.

      Gleich schräg auf der anderen Seite des Wegs wies ein Polnisches Nummernschild an einem Mittelklassewagen auf Besucher aus dem ehemaligen Ostblock, die entweder nicht besonders viel Geld hatten, oder es einfach nur schlicht mochten. Denn neben diesem Wagen stand ein derart kleines rotblaues Zelt, dass es hinter dem Fahrzeug kaum erkannt werden konnte und den Verdacht nahelegte, dass die Eigentümer vielleicht sogar eher das Auto als Schlafplatz bevorzugen würden, als das winzige Zelt.

      Ging man dem geschotterten Hauptweg entlang, ohne dabei auf den matschigen Oliven auszurutschen, erreichte man ein wesentlich besser verstecktes Fahrzeug aus Frankreich. Ihr Campervan war schlicht und unauffällig, aber nicht nur mit einer Satelliten- Schüssel ausgestattet, sondern sogar noch mit einer seitlich angebrachten Sonnenstore. Oui, c’est chic!

      Von hier aus konnte man nun bereits die restlichen Gäste hören, die sich auch noch irgendwo auf dem Areal aufhielten. Warum sie sich in der hintersten Ecke des Campingplatzes eingenistet hatten, war nicht eindeutig ersichtlich. Ob aus Nächstenliebe den anderen Besuchern und Platz- Betreibern gegenüber, oder einfach nur aus eigenem Interesse, um bei ihrer Party einigermassen ungestört zu sein. Sie hatten sich jedenfalls eine hübsche Ecke unter den Nagel gerissen, um vom reichhaltigen Angebot von Picknicktischen und Büschen zum pinkeln zu profitieren. Es war nach drei Uhr nachmittags und diese Gruppe von fröhlichen Menschen war schon ziemlich gut drauf. Es war eine achtköpfige Gruppe von langhaarigen Typen, welche mit sechs Motorrädern auf Tour zu sein schienen, aber aufgrund eindeutiger Indizien von verdächtig aussehenden Glasflaschen nicht mehr vor hatten, die Umgebung noch weiter auf ihren Motorrädern zu erkunden. So war es zumindest zu hoffen.

 

Die Musik dröhnte aus einer Mini-Stereoanlage, welche jemand der Bikergruppe mitgeschleppt haben musste. Dass es sich dabei um einen aufgeblasenen MP3-Player handelte, konnte man erst auf den zweiten Blick erkennen. Heutzutage konnten schliesslich schon die kleinsten Winzlinge von MP3-Playern jede Menge Krach verursachen. Aber die Lautstärke liess keinen Zweifel übrig, dass heute Abend die Definition der Nachtruhe auf Verhandlungsbasis festgelegt schien. Die Bikern liessen sich jedenfalls nicht von der Ruhe der Nachbarn stören und Harassen gefüllt mit Bierflaschen waren Hinweis dafür, dass die Party gerade erst begonnen hatte.

      Die Bikergruppe bestand aus acht Leuten, die mit sechs Harley Davidsons zu Besuch waren. Man musste nicht ein abgebrühter Szenenkenner sein um zu verstehen, dass sie alle zusammengehörten. Sie trugen lederne Hosen mit Riemen, oder einfach nur Jeans. Alle trugen dasselbe schwarze T-Shirt, welche das Club-Logo zeigte und eine Lederweste darüber. Köpfe waren entweder bedeckt mit Dreieckstüchern, Baseball- Caps oder Cowboy Hüte. Alle trugen sie ihr Haar lang, nicht alle jedoch hatten Bärte: Denn es waren nicht alles Männer. Da waren auch zwei Frauen dabei, deren Verhalten ganz nach dem Geschmack ihrer Kollegen nicht ganz Damenhaft waren. Die Tradition der aus Rom stammenden Biker verlangte es, dass am Ende der Motorrad- Saison eine Tour organisisert und durchgeführt wurde, wo sie sich mit schallendem Rock Sound und einigen alkoholischen Getränken amüsierten. Eine gebührende Party, die im Verlauf des Abends vom gemütlichen Übergang von Bier auf die so charakteristisch für die Gang gewordenen Spirituosen geprägt war. Es stand ausser Frage, dass sie jeweils den selben Ort für dieses spezielle Ritual wählten, welches sie schon seit über 10 Jahren zu  tun pflegten. Es schien undenkbar, dass man sich nach einer solchen Veranstaltung noch einmal auf dem selben Campingplatz blicken lassen konnte!

 

Es war kurz nach vier Uhr nachmittags, als ein grosser schlanker Typ der Gang sich anschickte, seine mittlerweile dritte grosse Bierflasche zu genehmigen. Es war ein Moment, der für alle von grosser Bedeutung war: Legendär war die Geschichte, als dieser schlanke Mann vor 8 Jahren bei der selben traditionellen Saison-Final Party bei dem Versuch, die Bierflasche mit einem speziellen Trick zu öffnen, sich einen Zahn ausgeschlagen hatte, weil er der Meinung war, mit den Zähnen das richtige Werkzeug gefunden zu haben. Er musste danach Notfallmässig behandelt werden, was ihm wegen den verabreichten Medikamenten den Rest der Party versaute. Diese Geschichte wurde ihm ein Jahr später von seinen Tränen lachenenden Kumpels aufgetischt, und als sie es auch im Folgejahr nicht sein lassen konnten, entwickelte er einen speziellen Trick, um eine Bierflasche auf die ganz besondere Art zu öffnen. Eine Show, die zum Kult- Event avancierte.

      Zuerst liess er hierfür ein Triangel erklingen, um seine Kameraden auf die bevorstehende Show zu informieren. Es geschah immer, wenn er die dritte Bierflasche zu trinken pflegte, so wie es die dritte Flasche war, an welcher er sich seinen Zahn ausschlug. Anschliessend griff er zu einem flachen Stein, den er für diesen Zweck stets mitnahm, und bettete diesen sorgfältig in den Boden ein. Zwei volle und ungeöffnete Bierflaschen positionierte er nebeneinander stehend so vor dem handtellergrossen Stein, dass er die zu öffnende Bierflasche kopfüber an die beiden anderen Flaschen legen konnte und sie so minim schräg angewinkelt mit dem Kronkorken auf dem flachen Stein lag. Nun sass er auf seine Harley, startete sie mit einem erschütternden Grollen, was alle Anwesenden aufjubeln liess, und manövrierte sein Gefährt sachte zur Bierflaschenkonstruktion. Das Vorderrad wurde nun vorsichtig an den Flaschenhals und die Kronkorke positioniert. Der Motor brummte mehrmals auf und schon fast synchron schrie die Partygesellschaft von Harley Fans auf.

      Dann machte er eine plötzliche Lenkbewegung nach links, und fast gleichzeitg, nachdem ein vertrautes Ploppen und zischen zu hören war, wiederholte er die Lenkbewegung ebenso flink in die entgegengesetzte Richtung bis es klimperte. Alle schrien auf, denn das Kunststück war gelungen, wie kein anderer es fertig brachte: Die Bierflasche stand geöffnet und mit Schaum aus dem Flaschenhals quillend aufrecht und ohne Schaden genommen zu haben, während die anderen beiden unterstützenden Flaschen ebenso unbeschädigt umgefallen waren. Niemand wusste wirklich, wie er das zustande brachte, wahrhaftig ein Meisterstück, welches dem verspotteten Mann die nötige Genugtuung verlieh, die er nach der Schmach mit dem ausgeschlagenen Zahn benötigte.

 

Das Flaschen-Öffnungskunststück galt unter den Bikern als der offizielle Startschuss der Party. Der Punkt, an dem die Sause erst richtig in die Gänge kam. Alle waren nun gut in Schuss und entsprechend war auch die Stimmung, worüber sich jedermann innerhalb angemessenen Umkreis überzeugen konnte.

      Es hätte purer Zufall sein müssen, hätte jemand inmitten von Klängen von Hard Rock Musik, Singen und Gelächter das im Verhältnis zu den Harley Motoren bescheidene Brummen eines Motorradmotors gehört, das sich näherte. Sehen konnten sie die Maschine, woher das Brummen kam, kaum. Da waren die Olivenbäumen und Büsche zu dicht, um erkennen zu können, wer gerade ankam. So ging das unbedeutende Ereignis in der Fröhlichkeit des Festes unter, was wirklich niemanden störte. Erst als ein kleiner Typ die Gruppe verliess um der Natur einen Gefallen zu tun, wie er es stets nannte, wenn er in einen Busch pinkeln wollte, trottete er an den die Sicht blockierenden Olivenbäumen und Sträucher vorbei. Er übersah jedoch den eben angekommenen neuen Gast, dafür war die Blase einfach zu voll.

      Erst nach dem Gefallen entdeckte er, was etwa eine halbe Stunde zuvor das unscheinbare Brummen verursachte, das niemand gehört hatte. Der Kleine wollte zuerst nicht näher darauf eingehen, aber als er seine Augen zu Schlitzen verengte und erkennen konnte, was für ein äusserst seltsames Motorrad er in der Ferne ausmachen konnte, blieb er stehen. Er änderte seinen Kurs und näherte sich langsam der werkwürdig ausgestatteten Maschine, das auf dem Zentralständer geparkt stand. So beschissen uncool, dachte der Kleine grinsend. Als er dem Motorrad gegenüberstand, begann er mit überraschtem, vielleicht sogar mit etwas verwirrtem Blick zu mustern, was der unbekannte Neuankömmling da mitbrachte. Es war eine schwarze Enduro mit Boxermotor. Ein Motorrad, welches derart in einem seltsamen Zustand war, dass der Kleine nicht schlau daraus wurde, was es auf sich hatte. Vom Besitzer war nichts zu sehen. Dieser war offensichtlich nach dem Aufstellen des Zeltes duschen gegangen. Aber weit konnte er nicht sein, den ein Berg von dreckigen Motorradkleider und eine stark abgenutzte Gepäckrolle lag vor dem unverschlossenen Eingang des Zeltes –  unbeaufsichtigt.

 

Der Blick des Kleinen schien wie fixiert. Ein Fahrzeug, das seiner Meinung nach die Bezeichnung Motorrad gar nicht mehr verdient hatte. In die Augen stachen merkwürdige Gegenstände, die im Frontbereich des Motorrades fixiert waren. Ein mittelgrosser Teddybär war scheinbar wie ein Sklave vor das Windschild gebunden worden, an dessen Seiten eine Vielzahl von Federn angebracht waren. Ein rissiger Badelatschen war unter dem mit Gitter geschützten Scheinwerfer mit Kabelbinder befestigt, während auf dem Schutzblech des Vorderrads ein Stoffband mit indianischen Verzierungen zu sehen war. Nicht nur zwei grosse beigefarbene Jute-Taschen seitlich des Tanks deuteten auf viel Gepäck hin, sondern auch die grossen Aluminium Kisten am Heck. Reservekanister, Gepäckrollen, Taschen! Oder zumindest das, was von Ihnen infolge starker Abnutzung übrig geblieben war. Die zerkratzten und leicht verbeulten Transportkisten am Heck waren fast vollständig mit Klebern zugekleistert. Kleber aus allen Herrenländern der Welt: Russland, Finnland, Brasilien, Kanada, Thailand, Estland, Pakistan, Südafrika, Kolumbien, Australien und so weiter. Der kleine konnte erkennen, wie an nahezu jeder erdenklichen Ecke am Motorrad irgendetwas angebracht war. Ein 10-Liter Benzinkanister mit der Aufschrift ‚Danger! 10 Litre Beer’, ausgelatschte, von Schnüren herunterhängende Wanderschuhe, ausgefranste Spannriemen und natürlich das Motorrad selbst. Es leckte erstaunlich wenig Öl, als dass man bei dem Zustand hätte erwarten können. Aber auch sonst zeugte die Maschine mit den zahllosen zerquetschten Insekten und eingetrockneten Schlamm an den Frontpartien von einer sehr langen Reise.

“Hallo. Hast du was gefunden was ich schon seit Wochen suche?” fragte eine Stimme den Kleinen völlig unerwartet.

Dieser wandte sich zu dem, von dem die Stimme kam und sah einen unrasierten Mann, der in Jeans und einem T-Shirt mit portugiesischem Schriftzug vor ihm stand.

“Hallo!” erwiderte der Kleine prompt um seine Überraschung zu verstecken. “Wie meinst du das?”

“Ach weisst du, ich habe an meinem Motorrad an so vielen Orten und Ecken etwas hineingesteckt, angebunden oder verstaut, dass ich manchmal gar nicht mehr weiss, wo sich gewisse Dinge befinden. Wenn ich dann etwas vermisse, muss ich nur ein paar Wochen warten, und dann kommen sie irgendwann und irgendwo wieder zum Vorschein.”

Der Kleine begann zu lachen, verstand aber nicht wirklich, was diese eigenartigen Worte zu bedeuten hatten.

“Also ich weiss nicht was du suchst, aber falls du ein Motorrad suchst, da hätte ich so eine Vermutung.”

Nun schmunzelte der fremde Besucher leicht und fügte an:

“Ja, ich weiss was du meinst. Ich habe in der Tat schon paarmal nach dem Motorrad gesucht, es aber zum Glück immer wieder gefunden. Aber mach dir keine Sorgen darüber, wie es aussieht. Ich versichere Dir, es IST ein Motorrad.”

Der Kleine tritt näher an den Fremden heran und fragte:

“Aber sag mal, was soll denn das alles? Ich meine, all dieses Zeug und diese Federn und so. Das ist eine seltsame Aufmachung. Die Kleber auf deinen Boxen: Warst du in all diesen Ländern?”

“Ja, ich war in all diesen Ländern; ich habe sie mit diesem Motorrad besucht. Daher auch die seltsame Aufmachung, es sind alles persönliche Erinnerungsstücke von einigen der Ländern die ich bereist habe. Eine seltsame Aufmachung für eine seltsame Reise.”

Der Kleine konnte einen eigenartigen Unterton in der Antwort des Fremden heraushören, war aber zu wenig sensibel, um es zu verstehen.

“Nicht schlecht. Wo bist denn du überall gewesen?”

“Ach, weisst du, ein bisschen überall und nirgends. Ich habe mit der Maschine eine Weltreise gemacht. Ich habe alle Kontinente bereist, etwa 60 Länder, so über den Daumen gepeilt. Klingt komisch, ist aber so.”

“Wie bitte, eine WELTREISE?”, fragte der Kleine ungläubig. Der Fremde sagte das so, als spreche er von einem verlängertem Pfingst- Urlaub. “Und wie lange bist du denn auf dieser – Weltreise – schon unterwegs?”

“Hmmm, ich weiss gar nicht so genau, ich glaube mittlerweile so um die dreieinhalb Jahre.”

 

Es herrschte eine tolle Stimmung bei den Bikern. Jeder war in seinem Element und alle hatten einen Riesenspass. Es war unterdessen nach fünf Uhr abends und niemandem war aufgefallen, dass ihr kleiner Kumpel für seinen Gefallen für die Natur schon ziemlich lange weg war. Aber spätestens wenn der dicke Bär mit dem Zahnriemen als Armband den Grill am Lagerfeuer mit Fleisch beladen würde, wäre ihr Kumpel wieder zurück. Doch so lange mussten die harten Kerle und Mädels nicht warten, denn soeben kehrte der verschwundene Kollege zurück. An seiner Seite brachte er einen unbekannten Mann mit, den niemand zuvor jemals gesehen hatte.

“He ihr Küken, haltet mal die Schnäbel!”, brüllte der Kleine schon von weitem so laut, dass keine Zweifel bestand, dass er den grössten Schnabel von allen hatte.

“Ich habe hier jemanden mitgebracht, ihr werdet nicht glauben, was der Typ gemacht hat.”

Die Ansprache des Kleinen erzeugte kaum Aufmerksamkeit. Im Gegenteil, eine der beiden Weiber pfiff laut und warf ihm eine Flasche Bier zu. Ein Aperitif, wie sie den Bieren stets zu sagen pflegten.

“Im Ernst Leute. Der junge Sportsfreund hier hat wirklich was auf dem Kasten”, fuhr der Kleine unbeirrt fort, während er dem fremden Besucher einen Platz am Picknicktisch anbot.

„Kasten? Dann sag ihm, er soll den Kasten zu unseren anderen hinstellen, HAHAHA“, grölte ein grossgeachsener Typ.

 Nun, als er zwischen seine blödelnde Kumpels schritt, konnte er langsam ihre Aufmerksamkeit gewinnen.

 

Sie versammelten sich zögerlich um den Picknicktisch. Es schien, als hätten die Biker selten Besucher, die der Gruppe nicht angehörten.

      Der Kleine merkte frühzeitig, dass der Fremde noch ohne Namen war. Er wandte sich zu Ihm und scherzte:

“Also wenn du hier sitzen willst und was zu trinken haben willst, musst du uns schon sagen, wer du genau bist. Wir nehmen hier schliesslich nicht jeden auf.”

“Ach ja? Nun, ich rede auch nicht mit jedem. Aber infolge meiner langen Reise allein habe ich es wohl verlernt, mich anständig zu benehmen. Ich heisse Michael, aber ihr könnt mich ja Dirty Harry nennen. Es scheint, als passe dies besser als mein wirklicher Name, schon nur, weil ich vermutlich wesentlich jünger bin als ihr.”

Ein raunen rollte über den unerwarteten Gast hinweg und ging in ein freundliches Gelächter über. Noch ehe jemand diese Bemerkung kommentierte, kam schon eine Flasche Bier geflogen.

“Lust auf einen Aperitiv”, fragte der Dicke Bär beim Grill, wo er sich langsam für die Fleischzubereitung vorbereitete. “Du siehst so durstig aus. Muss man den jungen Bengels immer alles vormachen! Du musst wissen, an diesem Tisch spielt das Alter keine Rolle, sondern was du vertragen kannst. Hahahaha! Und da haben wir so unsere Bedenken.”

“Ach nimm ihn nicht Ernst”, sagte der Kleine, der sich mittlwerweile neben den neuen Gast gesetzt hatte.

“Wir habens hier einfach nur lustig. Ich hab dich nicht hierhergeholt, um dich den dummen Sprüchen meiner Kumpels auszusetzen, sondern weil ich geil finde, was du getan hast. Ich bin Toby und der dumme Schwätzer, der dir wie eine Pfeiffe das Bier zugeworfen hat, heisst Walker.” Toby zeigte zum dicken Bär, der gerade mit dem Grill beschäftigt war.

“Du musst wissen, dass wir alle Spitznamen haben, die auf unser Lieblingsgetränk hinweisen. Mein Name wurde abgeleitet vom Whisky Tobermory – ach ist der Scheiss gut! Und Walkers Name kommt natürlich von Johnny Walker. Wir haben uns auf Walker geeinigt, weil wir ihn stets verlieren, wenn wir mal ohne Motorrad unterwegs sind. Wie ein kleiner Junge muss man auf ihn aufpassen, ts ts… Das dort”, und er deutete nun auf einen grossen schlanken Mann hin, “das ist unser Idol Bundy. Er kann Bierflaschen mit dem Vorderrad seiner Maschine öffnen, was uns immer wieder von Neuem beeindruckt. Er liebt das australische Gesöff Bundaberg Rum.”

“Ach wirklich? Dann sollte er mal nach Australien gehen. Dort öffnen sie auf den Farmen ihre Bierflaschen mit den Hufeisen der Pferde. Die könnten voneinander lernen”, lenkte der Fremde ein.

“Ach ja? Dann könnt ihr euch ja mal unter vier Augen austauschen. Dieser Spassvogel dort ist JB. Er hat selten was zu sagen, dafür furzt er wie ein Nilpferd, HAHAHA!”

Michael guckte erstaunt auf: ”Was? Aber Nilpferde furzen doch nicht. Ich habe in Afrika noch nie Bläschen am Hintern aufsteigen sehen, als ich Nilpferde im Wasser baden gesehen habe. Aber vielleicht tun sie’s auch nur an Land.”

“Ach Alter. Glaub mir, wenn du’s mal erlebt hast, weisst du, dass es so sein muss. JB kommt, wie könnte es anders sein, von Jim Beam. Nenne ihn aber nie Beam, dass heisst Birne und das kann er auf den Tod nicht ausstehen! Hier haben wir eine der beiden Herzensdamen in unserer Runde. Sie heisst Rosie und das kommt von ihrer Schwäche zum Four Roses Whisky. Pass auf, nach 3 Glässchen ist sie gut drauf, aber ihr Mann, der Knabe dort drüben, passt gut auf sie auf! Wenn du also keins auf die Nase haben willst, lass die Finger von ihr.”

Dirty Harry schaute etwas schüchtern nach Rosie und in einer fast fliessenden Kopfdrehung zu ihrem Mann hinüber.

“Ja, vor dem musst du dich in Acht nehmen”, sagte Toby fast ehrfürchtig und alle verstummten plötzlich und es war mucksmäuschenstill.

 

Rosies Mann hatte sofort kapiert was los war und bäumte sich auf wie ein Riese. Langsam schritt er zum Neuling und bückte sich leicht zu ihm hinunter und sprach ihn ernsten Wortes an:

“Na, was ist los, eh? Ich habs genau gesehen, Freundchen!”

Michael zuckte innerlich zusammen und fragte: “Was? Ich hab doch gar nichts gemacht?!”

“Nein nein Bürschchen, du kannst mich nicht verarschen, ich hab genau gesehen wie du sie angestarrt hast! Du bist doch scharf auf sie, nicht wahr?”

Die Stimmung war unwillkürlich eiskalt geworden und während alle gebannt beobachteten was sich abspielte, versuchte nur noch der Player eine gute Mine zum bösen Spiel zu machen.

Mit einer blitzartigen Bewegung nahm er den Fremden in den Schwitzkasten und begann plötzlich laut lachend mit seiner linken geballten Faust sanft auf seinem Skalp zu reiben und die Haare zu zerstrubbeln.

Nun schallten alle laut hinaus, nur Michael beobachtete mit versteinerten Mine was um sich geschah.

“Um Himmels Willen, Dirty Harry. Warum bist du so bleich? Das ist Rosies Mann Branca. Er ist zwar gross, könnte aber keiner Fliege was zuleide tun. Er hats mit Kräutern und daher auch Branca, von Fernet. Er kann sehr emotional werden, wenns um Gefühle und so geht, daher genehmigt er sich eher mal einen Magenbitter um sich zu beruhigen und nicht zu flennen.”

“Davon bin ich überzeugt…”, gab Michael wenig erleichtert zu.

“Dies neben Branca ist Bailey, die ganze Vernunft unserer Bande. Sie ist der Ruhige und anständige Pol von uns. Sie kommt nicht aus Irland, aber sie war dort mal für 3 Wochen im Urlaub. Zwar hat sie dort keine Vorliebe für irische Männer gefunden, dafür aber zum irischen Crèmelikör. Sie hat es nicht so gern, mit dem Namen des Likörs angesprochen zu werden, weshalb wir sie meistens Ly nennen. Aber wenn sie mal einen Sitzen hat, dann kennt sie keine Hemmungen.”

 

Nun erhob sich Toby. Während er sein erstes Bein über die Bank des Picknicktisches schwang, stubste er seinen mitgebrachten Gast zum Zeichen an, es gleich zu tun. Zusammen spazierten sie gemütlich zum letzten Mitglied der Bikergang, das von Toby noch nicht vorgestellt wurde. Er kauerte am Boden eines kleinen Lagerfeuers, was kaum jemand aufgefallen wäre.

“Und hier mein Freund, das ist Jack. Na was glaubst du woher dieser Name stammt?”

Der Fremde grübelte für einen Moment während er von seinen Gastgeber gemustert wurde. Er kam nicht drauf.

“Von Jack Daniel’s, aus den USA! Er hat gemacht, was wir alle schon immer mal machen wollten, aber nie die Kröten dazu hatten. Er ist mit seiner Maschine in die USA geflogen und hat damit jeden einzelnen Bundesstaat bereist! Der verdammte Wahnsinnige: Die 48 Staaten des Landes waren ihm nicht genug und so fuhr er durch Kanada noch bis nach Alaska hinauf. Nur Hawaii war ihm zu weit weg. Er ist und bleibt unser Idol, aber nachdem ich gehört habe, was du gemacht hast, wollte ich euch zusammenbringen.”

Toby und der Fremde beobachteten wie Jack sich erhob und in Dirty Harrys Augen blickte.

“Was hat er den gemacht, Toby?”, fragte Jack sachte.

“Tja Leute”, sagte Toby und wandte sich all seinen Kumpels zu, “dieser Windhund hats gemacht, er hat die Route gemacht. Er hat mit seinem Motorrad die ganze Welt umkurvt. Ist denn das zu glauben?”

Das schien es nicht, denn es war augenblicklich still geworden.

      Jack hob die Augenbrauen als er hörte was Toby sagte. Er nippte an seiner Flasche Bier und sagte:

“Ein richtiger Worldtraveler, was? Dann, denke ich, ist es Zeit, dass wir umsteigen und miteinander auf diese Begegnung anstossen.”

 

Walker hatte mittlerweile den Grill über die Gluten des Lagerfeuers positioniert und mit so viel Fleisch beladen, dass die Halterung durchzubiegen schien. Es brutzelte schon fleissig als die Bikergang ihre Bierflaschen leerten und sich an den Flaschen jener Getränke zu schaffen machten, welche ihnen ihre Namen gaben. Jeder besass seine persönliche Flasche und ein Glas, worauf der entsprechende Spitzname eingraviert stand. Alle setzten sich zu ihrem unerwarteten Besucher hinzu und erhoben das Glas. Sie brüllten einen Trinkspruch und kippten ihre Wässerchen hinunter, während Michael an seinem Bier nippte und seine Gastgeber beobachtete.

      Das Fleisch war unterdessen servierbereit und verströmte seinen unverkennbaren Duft. Rosies Kartoffelsalat sah prächtig aus, auch wenn neben den Fleischbergen nur als Beilage herhalten dürfte. Das Essen wurde auf dem Tisch serivert, die Getränke erneut eingeschenkt und in einer heiteren Stimmung begannen alle hungrig ihre Mahlzeiten zu verzehren. Es wurde viel Gelacht. Es gab viele Geschichten, die die Freunde sich nicht zum ersten mal zu erzählen schienen. Als die Fleischberge zunehmends in den Münder verschwand und mit Bieren und Feuerwässerchen hinuntergespült wurden, konnte eine befriedigende Stimmung ausgemacht werden.

      Als JB zum ersten mal einen seiner erschütternden Fürze abliess, waren sich alle einig, dass die Gelegenheit gekommen war, sich nun zu verschieben. Dabei schien die Gelegenheit gerade recht, dass sich alle das ulkige Fahrzeug ihres Gastes begutachteten und sich davon überzeugten, dass Toby die Wahrheit sagte. Sie schlenderten alle zusammen dorthin, wo ihr fremde Freund sich niederliess. Ein verbleichtes Zweimann- Zelt mit einigen Löchern und Rissen und ein seltsam dekoriertes Motorrad, das auf dem Zentralständer stand.

“Das ist es, was ich euch zu bieten habe. Ich habe nie ein Schönheitswettbewerb mit der Maschine gewonnen. Einige haben gesagt, es sähe hässlich aus, andere wiederum finden sie fantastisch. Es ist für mich aber ein Motorrad, mit welchem ich eine ganz spezielle Beziehung habe.”

Michael schlug mit seiner rechten flachen Hand auf den Sattel und fuhr fort:

“Ich habe über 150’000 Kilometer auf diesem einfachen, unspektakulären aber sehr zuverlässigen Gefährt zurückgelegt. Knapp 60 Länder in allen 5 Kontinenten bereist und alles, was ihr hier seht, ist, was ich noch von dieser Reise übrig habe. Ich habe es fast geschafft, nur noch 1000 Kilometer fehlen, bis ich diese Reise um die ganze Welt abschliessen kann und der Kreis sich schliesst! 1000 Kilometer. Ein winziger Bruchteil von dem was ich bisher geleistet habe, und doch noch so weit entfernt.”

      Die Bikergang wanderten verwundert um das Motorrad, während Michael bemerkte, dass sein schwerfälliger Ton seiner letzten Worte unbemerkt blieb. So nah und doch so weit.

“Dass eine Gummikuh so etwas zustande bringen kann, hab ich schon ein paarmal gelesen. Dafür sollen sie ja ganz praktisch sein. Aber das mit dem Schönheitswettbewerb stimmt schon…”, bemerkte Bundy und spielte mit dem Bär, der am mehrfach gebrochenen und mit Kabelbindern genähten uns zusammengehaltenen Windschutzschild angebracht war.

“Aber was soll der ganze Zirkus?”

“Das ist kein Zirkus, und ob ihrs glaubt oder nicht, ich bin auch kein Clown. Es ist nichts aussergewöhnliches, eine solch lange Distanz mit einem Fahrzeug zu absolvieren. Das machen unzählige Geschäftsleute mit ihren Wagen auch. Selbst auf Motorrädern fahren viele Biker hunderttausende von Kilometern, ohne dass es eine spezielle Bedeutung hätte. Aber eben nicht an einem Stück in einer dreieinhalb jährigen Reise. Ich habe an dieser Maschine so ziemlich alles repariert, was hätte repariert werden können. Störungen und Macken haben mich genervt und auf Trab gehalten, und doch hat sie mich nie im Stich gelassen. Ich spüre, wenn ich Motoröl nachgiessen muss und weiss genau, unter welchen Umständen die Vergaser nicht ordentlich funktionieren. Wer mal mit einem Fahrzeug eine solch lange Distanz gefahren ist, zahllose, riesige menschenverlassene Gegenden überwunden hat, kriegt plötzlich ein ganz anderes Verhältnis zu seinem Gefährt: Eine Panne kann fatale, ja unter Umständen lebensgefährliche Folgen haben. Das kann sich jemand aus Europa, wo es solch verlassene Gegenden nicht gibt, nicht vorstellen, aber es ist so. Nur wenn alles funktioniert und die Maschine immer läuft und nicht im Stich lässt, hat man diese Probleme nicht am Hals. Das lernt man während dreieinhalb Jahren enorm zu schätzen, und ein aussergewöhnliches Verhältnis zwischen Mensch und Maschine entsteht”.

 

Das Weltreise- Motorrad schrie förmlich nach Erklärungen. Es war von vorne nach Hinten bestückt mit Dekorationsgegenständen, Federn, Kettchen, Plüschtieren, Stoffblumen, Spielzeug und selbstverständlich mit zahllosen Aufklebern aus aller Welt.

“Dieses Motorrad ist absichtlich so vollgestopft mit merkwürdigen Dingen. Ich habe mir bei der Abreise geschworen, dass mein Motorrad allen zeigen soll, was es geleistet hat und wo es überall gewesen ist. Jedes einzelne Element, jede noch so unbedeutende Schraube erzählt eine kleine Geschichte. Eine Geschichte, dir euch nichts sagen würde, aber für mich eine wertvolle Erinnerung ist. Eine Art Souvenir. Meine Aluminiumkisten tragen Sticker von fast allen Ländern die ich bereist habe. Unvergesslich bleiben die Suchaktionen, die ich für sie unternommen hatte. Die Stoffblumen an den Sturzbügel stammen aus Indien, die Kettchen vor dem Scheinwerfer aus Malaysien. Der kleine rosa Badeschlarpen unterhalb des Scheinwerfers hatte ich in Pakistan gefunden und das Zierband über dem Schutzblech ist aus Südamerika. Die schwarzen Bändel, die hinten an den Reservekanister angebracht sind, habe ich in Peru gekauft. Es ist traditioneller Haarschmuck der indigenischen weiblichen Bevölkerung. Der Spielzeug Cadillac habe ich in den USA gefunden und hier stopfe ich immer ein Teil eines ausgemusterten T-Shirts hin, woran ich den Motorölmessstab abwischen kann. Ich tue das weissgott nicht jeden Tag, aber alle paar Wochen kommen mir vor, wie wenn ich es täglich tun würde.”

“Und was ist das für ein Bär?”, fragte Bundy, der sich vom Bär am Windschutzschild nicht lösen konnte.

“Das ist kein Bär, sondern ein Koala. Und Koalas sind keine Bären, sondern Beuteltiere aus Australien. Dort habe ich diesen armen Kerl auf einem Müllhaufen gefunden. Ich fand, dass er ein solches Ende nicht verdient hätte und habe ihn dort angebracht, wo er wie eine Gallionsfigur nach vorne blickt. Wisst ihr, es ist gut, wenn jemand nach vorne blickt, wenn man es manchmal selber nicht mehr tut… Er hat auch einen Kumpel, ein Hund den man kaum mehr erkennen kann.” Michael schritt zum Heck des Motorrads und zog sachte an einem schwarzen Knäuel, das auf dem Hinterradschutzblech über dem Schlusslicht angebunden war. Ein kleiner Plüschhund mit einer frechen schwarzen Sonnenbrille. “Er liegt mir besonders am Herzen, da ich ihn schon seit 15 Jahren in oder an meinen Fahrzeugen mitführe. Er passt auf, dass nichts vom Motorrad gestohlen wird.”

 

Die Besichtigungstour löste grosse Verwunderung bei der Bikergang aus. Sie schienen erst jetzt richtig zu verstehen, was ihr unbekannter Gast geleistet haben musste. Denn es war unübersehbar, wie der Wind, Regen und Kräfte an allem gezerrt hatte. Während sich die Biker an den vielen Details wunderten und amüsierten, hielt sich derjenige ruhig zurück, dem alles gehörte. Er beobachtete, was für ihn so alltäglich war. Es war mehr als nur alltäglich, die Maschine und jede kleine Einzelheit der Ausrüstung war ein Teil von ihm geworden. Es war nicht mehr viel, was er besass. Aber was er besass, bedeutete ihm sehr viel. Wahre Werte, man braucht so wenig um Leben zu können.

      Da war auch Stolz. Er war sehr Stolz auf das, was er all die Jahre über getan hatte. Nur wenige erreichten, was er bis kurz zur Vollendung brachte. Und doch überkam ihn wieder dieses trauriges Gefühl, welches ihn seit einiger Zeit immer wieder einholte. Das traurige Gefühl der Erkenntnis, dass das, was er während seiner Reise gesucht, gefunden und doch wieder verloren hatte. Dass diese Reise, die ihm das Schönste Geschenk machte, dieses noch vor seiner Rückkehr nach Hause wieder wegnahm. Er unterdrückte die sich aufbäumende Trauer und setze ein etwas gequältes Lächeln auf.

      Alle zusammen gingen allmählich zum Lagerfeuer zurück, wo sich alle um das Lagerfeuer versammelten und auf den Boden setzten. Das Feuer, welches von Walker kurz vor dem Essen mit Holzscheiten neu angefeuert hatte, loderte Unterdessen bereits in hohen Flammen. Als der Fremde Gast sich auch auf den Boden setzte und in das Feuer schaute, schien er langsam in eine Welt von Gedanken und Erinnerungen zu gleiten. Wie oft hatte er während seiner Reise schon in ein wärmendes Lagerfeuer geblickt? Und wie oft hatte er sich dabei übder den Sinn dieser Reise gefragt?

“Also mein Freund“, leitete Jack ein. „Wir alle haben gegessen, getrunken, gestaunt und gefurzt. Ich muss zugeben, dass ich in der Tat von deiner Reise sehr beeindruckt bin. Ich habe immer geglaubt, mit meinem Trip durch die USA schon eine riesige Tour gemacht zu haben, aber im Vergleich zu dem was du gemacht hast, ist das nur eine kleine Spritztour”

“Ja mein Freund. Das ist einfach Wahnsinn! Wer hat schon nicht von einer Weltreise mit einem Motorrad geträumt, und nie hat man Geld, oder Zeit, oder schlicht nicht den Mut so etwas zu tun. Doch du hast es gemacht, ganz alleine. Warst du denn nie einsam?”, wollte Branca wissen.

“Nein”, meinte der Weltreisende – und wusste, dass er dies heute nicht mehr sagen konnte, ohne zu lügen. “Ich war wohl meiste Zeit alleine, aber höchst selten einsam. Aber wirklich allein schafft es niemand. Es gab so viele Menschen die ich getroffen hatte, sie alle hatten mich ein bisschen geprägt, hatten ein kleines Stück dazu beigetragen, dass ich so weit gekommen bin und heute kurz vor dem Ziel bin. Ich hatte immer wieder Menschen getroffen, und ich konnte meistens wählen, ob ich ganz allein sein wollte, oder lieber in Gesellschaft.”

“Es muss schon geil sein, wenn man einen Traum leben kann. Alleine durch die Weiten von fernen Ländern zu fahren. Sich den Wind entgegenwehen zu lassen und so viele Abenteuer zu erleben. Kurven, Landschaften, fremde Menschen mit fremden Kulturen. Verschlammte Strassen, Reparaturen im Tschungel, Flussdurchquerungen und Lagerfeuerromantik.“ Toby kam aus dem Schwärmen nicht heraus. „Du musst endlos viele Abenteuergeschichten auf Lager haben, erzähl doch ein paar.“

“Ja, erzähle uns ein paar Geschichten. Wir brennen drauf zu erfahren, was man auf den Strassen der Welt so alles erlebt”, forderte Bundy.

 

Die Bikergang war aufgeregt und schon fast so erregt, wie eine Gruppe Kinder vor ihrem ersten Schultag. Ein klimpern von Schnapsgläsern verriet, dass sich alle mit ihren Spirituosen versorgten, um sich für eine lange Geschichte zu wappnen. Ihr Gast selbst beobachtete das Geschehen mit einem freundlichen Lächeln, war aber schweigsam wie ein Schüler vor dem Lehrerrat. Es wusste, dass man von ihm erwartete, dass er Klischees bestätigte. Verschlammte Strassen, Reparaturen im Tschungel, Flussdurchquerungen… So sahen sie doch alle einen Motorradfahrer, der den Globus umrundete. Doch es war doch gar nicht das, was er gesucht hatte. Nicht er!

“Ja, du Teufelskerl, lass uns von deinen Geschichten hören. Walker, gib ihm noch eine Flasche Bier”, rief Toby, “HAHAHA, Dirty Harry, erzähl uns von deinen Schandtaten, von den Abenteuern und Halunken, vor denen du dich in Acht nehmen musstest! Und warum um alles in der Welt jemand auf solch eine Idee kommt.”

       Der fremde Besucher blickte weiterhin nachdenklich ins Feuer und blieb stumm. Es war offensichtlich, dass die Bikergang falsche Erwartungen von seinen Geschichten hatte. Sie ahnten nicht, dass nicht haarsträubende Abenteuer, katastrophale Schlammtracks durch Dschungel oder exotische Landschaften die Gründe waren, weshalb er um die Welt fuhr. Nein, er suchte das was ihm fehlte, um wirklich glücklich zu sein: Die grosse Liebe. Und wieder erinnterte er sich mit einem Stechen im Herz daran, wie er sie tatsächlich gefunden, und doch wieder verloren hatte. Aber das konnte er ihnen dovch nicht erzählen. Nein, er musste Abenteuergeschichten erzählen, und keine Geschichte über Liebe und Glück, und Einsamkeit und Schwerz. Oder doch?

      Langsam hob Michael seinen Kopf und blickte in die fröhliche Runde in erwartungsfrohe Gesichter seiner Gegenüber.

“Ihr wollt also Geschichten hören? Ihr wollt erfahren, was man während einer Weltreise so alles erlebt? Und warum man sowas überhaupt tut? Ok, dann werde ich euch Geschichten erzählen. Aber ich werde euch MEINE Geschichte erzählen”.

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